Jazz Poetry: Rattengift und Reiherlaute

Man lernt nie aus. Vor allem nicht beim ersten Jazz Poetry Slam auf Bamberger Boden. Genauer: In der erst vor kurzem eröffneten Kultur- und Backsteinkathedrale Alte Seilerei. Für alle die es nicht wissen –  beim Jazz Poetry Slam bekommen die Poeten ein Minute Zeit, sich mit den Musikern abzustimmen, die dann zu den vorgetragenen Texten improvisieren. Kann schief gehen dachte ich mir, das Gegenteil war der Fall. Vielleicht kein Wunder wenn die Anregung für die Band auch lautet, „Spielt was ruhiges. Am besten… so smooth, wie eine Katze die in Zeitlupe nach einem Schmetterling schlägt… aber nicht trifft.“ Alles klar? Alles klar, es kann losgehen.

Die Worte des gestrigen Abends steuerten unter der Moderation von Christian Ritter Poeten aus allen Himmelsrichtungen bei: Björn Gögge, Johannes Berger, Sevi und Zoe Hagen. Wie der Titel schon erahnen waren die Beiträge dabei äußerst vielfältig. Von Ratschlägen für den kleinen Bruder, über wahrlich nicht romantische Romantik bis zu verspeistem Rattengift, weil es in der WG einfach nichts anderes mehr zu essen gab.

Besonders Eindruck geschindet haben bei mir Sevi und Björn Gögge. Erster mit seinem Text „Romantik“ der genau ins Gegenteil abdriftet, wenn knapp nach halb 4 morgens zwei Menschen – stinkend nach Zwiebeln und Bier – unter einer flackernden Neonlampe sitzen, statt Vogelgezwitscher Reiherlaute zu vernehmen sind und die letzten Kebabreste mit einem Oettinger aus den Zähnen gespült werden. Und trotzdem ist das für das lyrische Ich der richtige Moment nach 4 Jahren die Liebe zu gestehen.

Gewinner des Dichterwettstreits – und damit auch neuer Besitzer einer bunt gefüllten Tasche aus dem 1-Euro-Laden – war jedoch Björn Gögge, der unter anderem seinen Text „Lass mal lassen“ vortrug. Einen herrlichen Abgesang auf Youtube-Weisheiten wie „Lebe deinen Traum, genieß den Moment, Atme… Luft“ und die ständige Jagd nach Superlativen wie der besten Nacht des Lebens und dem Drang alles alles zu machen. Tanzen, aber nicht einfach so, sondern zu den krassesten, derbsten und fettesten Beats, mit 50 „Freunden“ die Nacht durchmachen, lachen, den Kopf so so frei haben, die lilasten Morgenwolken sehen. Hauptsache Superlativ. „Ne, lass mal lassen, Baby“. Es reicht auch mal ein gut, die kleine Couch in der kleinen Wohnung. Es reichen ein paar echte Freunde und das eine Album, bei dem alle mitsingen können. Ich unterschreib das.

Eins muss man bei allem Lob auf die Poeten aber auch sagen. Den lautesten Applaus des gestrigen Abends bekam – nicht ohne Grund- die Bühnenband.

3 Comments

  1. Das klingt sehr interessant. Von Jazz-Poetry Slam habe ich noch nix gehört, aber musikalische Untermalung kann ich mir durchaus gut vorstellen. Neulich war ich auf den Slam-Meisterschaften und beim „Team-Slam“ (was ich bis dato auch nicht kannte) haben auch zwei Menschen auf der Bühne an Hand von drei Worten aus dem Publikum einen improvisierten Text vorgetragen. Wie bei einer Reizwort-Geschichte (man könnte auch sagen Reizwort-Slam). Zu Beginn dachte ich mir dann auch so – naja ob das nicht vielleicht eher Quatsch wird – aber an sich war es dann einfach echt erstaunlich und wirklich gut gemacht und dann war ich sehr froh.
    Ich werde aber mal die Augen aufhalten, ob sich hier auch mal ein Jazz-Slam findet. Hab mich auf jeden Fall gefreut diesen Bericht zu lesen :)

    1. Hallo Heldin,
      freue mich gerade über deinen langen Kommentar und darüber, dass du den ganzen Bericht gelesen hast. Deine Zeilen zum “Reizwort-Slam” hören sich auch echt interessant an…ich werde ebenso die Augen offen halten ;)

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